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Champions-League-Finale in Kiew: Fußball in der Ukraine


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Es sind Gegensätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wenn am Samstag das Finale der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool angepfiffen wird (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Sky). Obwohl das "NSC Olimpijskij", das Kiewer Olympiastadion, immer noch so strahlt wie beim EM-Finale 2012, dem bislang letzten großen sportlichen Ereignis, das hier gastierte: Der Besuch der Champions League in der ukrainischen Hauptstadt ähnelt der Landung eines Ufos.

Das beste Beispiel dafür ist das moderne Olimpijskij. An ganz gewöhnlichen Ligatagen sind nicht Plakate der Uefa an den Außenwänden des Stadions zu sehen, sondern Konterfeis der aktuellen Profis von Dynamo Kiew, in deren Umkleidekabine eine Jesus-Ikone hängt. In der Mixed-Zone, in der an diesem Wochenende das Champions-League-Logo sowie die Sponsoren der Königsklasse allgegenwärtig sein werden, stehen normalerweise Stühle an der Wand, die noch die Zeiten von Superstar Oleg Blochin und Meistertrainer Valerij Lobanowskij erlebt haben dürften.

Und viele Räume in den Katakomben der Arena, in denen an diesem Wochenende Sponsoren, VIP-Gäste, Funktionäre und Journalisten untergebracht und verköstigt werden, standen zuletzt leer. Leer wie die Tribünen des Stadions an gewöhnlichen Spieltagen der ukrainischen Premjer Liha.

"Zu den Dynamo-Heimspielen kommen 5000, manchmal auch 10.000 Zuschauer", erzählt Igor Gomonai. "Gut besucht sind nur die internationalen Partien oder die Duelle gegen Shakhtar Donezk", so der 38 Jahre alte Kiewer, der bereits im Alter von sechs Jahren das erste Spiel von Dynamo Kiew besuchte. Was jedoch nicht bedeutet, dass das Spitzenspiel der höchsten ukrainischen Liga ausverkauft ist. "Gut besucht heißt lediglich rund 40.000 Zuschauer. Und das in einem Stadion, in das 70.000 Menschen passen", sagt Gomonai, der mit mehreren Freunden die NGO "Football Democracy" gegründet hat.

Alltägliche Tristesse

Es ist alltägliche Tristesse in den Stadien der Premjer Liha, in der vor vier Jahren noch 16 Mannschaften spielten, heute aber nur noch zwölf. In der für die EM 2012 erbauten Arena in Lviv, in der in dieser Saison der Aufsteiger NK Veres Rivne wegen seines baufälligen Stadions seine Heimpartien in der rund 200 Kilometer entfernten westukrainischen Metropole austragen musste, kamen zu einigen Spielen nur rund 800 Menschen. Manchmal hörte man die Anfeuerungen der kleinen Funktionärskinder auf der VIP-Tribüne besser als die der Fans in der Kurve. Es ist eine traurige Entwicklung, die sich auch statistisch belegen lässt. Während in der Saison 2012/2013 noch durchschnittlich 12.500 Zuschauer zu den Spielen der Premjer Liha kamen, sind es heute knapp über 4000.

Die Gründe für diesen negativen Trend sind vielfältig. Während 2012 der ukrainische Profifußball noch im Zuge der EM einen Aufschwung erlebte, hat er heute mit den Auswirkungen des Kriegs in der Ostukraine sowie den wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen.

Mit FK Sewastopol und Tawrija Simferopol verlor die Liga nach der Annexion der Krim durch Russland zwei Klubs. Zorja Luhansk, zuletzt in der Europa League Gegner von Hertha BSC, Olimpik Donezk und der Spitzenklub Shakhtar Donezk mussten wegen der Kämpfe im Donbass ihre Heimat verlassen. Was sich auf den Tribünen bemerkbar macht. Olimpik Donezk absolviert seine Pflichtspiele im Valerij-Lobanowskij-Stadion, der alten Spielstätte von Dynamo Kiew, vor fast leeren Rängen.

Pfiffe bei der Shakhtar-Hymne

Der große Lokalrivale Shakhtar wiederum trägt seine Heimpartien mittlerweile im ostukrainischen Charkiv aus. Doch auch dort wird der Klub nicht von allen akzeptiert. Wenn vor dem Anpfiff die Shakhtar-Hymne ertönt, machen sich auch Anhänger des örtlichen Metalist Charkiv bemerkbar.

Metalist war bis vor einigen Jahren noch Dauergast in der Europa League. In seiner damaligen Form existiert der Verein jedoch gar nicht mehr. Da sein Eigner Sergej Kurtschenko, ein Oligarch mit besten Kontakten zum Clan des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, nach dem Euromaidan nach Russland floh und die Zahlungen einstellte, ging der Traditionsverein pleite. Unter dem Namen Metalist 1925 starteten Fans des Klubs einen Neuanfang im Amateurbereich.

Dramatisch ist auch die Situation in Dnipropetrowsk, wo mit dem FK Dnipro der Europa-League-Finalist von 2015 zu Hause ist. Diese Saison stürzte der Klub, den einst auch Bernd Schuster trainierte, in den Amateurfußball ab. Der Grund ist auch hier die finanzielle Abhängigkeit von einem Oligarchen: Da gegen den einst mächtigen Ihor Kolomojskij sowohl internationale als auch ukrainische Behörden ermitteln und ihm die Konten gesperrt haben, ging dem Klub das Geld aus. Als Reaktion auf den allmählichen Niedergang gründeten 2017 einige Fans den SC Dnipro 1, der nun den Aufstieg in die zweithöchste ukrainische Spielklasse schaffte. Doch besonders beliebt ist die Neugründung, dessen Präsident der Politiker Jurij Bereza ist, nicht in der Stadt.

Gigantischer Wettskandal

Die finanziellen Probleme sind auch verantwortlich für den jüngsten Skandal, der den ukrainischen Fußball diese Woche erschütterte. Von 52 Mannschaften, die in den vier höchsten Ligen des Landes spielen, sollen 35 Klubs in Wettmanipulationen verwickelt sein. An den illegalen Absprachen sollen insgesamt 320 Menschen beteiligt gewesen sein, darunter Spieler, Trainer und Klub-Besitzer.

"Das sind auch die einzigen Informationen, die wir zu dem Fall haben", sagt Artem Frankow, Gründer des ukrainischen Magazins Futbol und Präsidiumsmitglied des ukrainischen Fußballverbands FFU, dem SPIEGEL. "Die Polizei und Staatsanwaltschaft haben uns nur ihre vorläufigen Ermittlungsergebnisse präsentiert", so Frankow. "So lange will ich auch nichts über das Ausmaß des ganzen Falls sagen. Wir sind jedenfalls bereit, an der Aufklärung mitzuarbeiten", erklärt der Journalist und Sportfunktionär. "Doch ich möchte betonen, dass in den Skandal bisher nicht ganze Klubs verwickelt sind, sondern einzelne Spieler, Trainer und Funktionäre".

Vorwürfe dieser Art sind nicht neu im ukrainischen Fußball. Bereits 2015 wurde einigen Spielern von Olimpik Donezk, die nur noch unregelmäßig ihre Gehälter bekamen, vorgeworfen, mit asiatischen Wettsyndikaten zusammenzuarbeiten. Doch Beweise konnten bisher nicht vorgelegt werden, obwohl damals 12 Partien von Olimpik in den Fokus der Uefa gerieten.

Ob der ukrainische Fußball langfristig mit seinen Problemen fertig werden kann, ist fraglich. Mit Thomas Grimm, einem Schweizer Anwalt, der einst der Swiss Football League vorstand, hat die ukrainische Liga seit März zwar einen westeuropäischen Experten als Präsidenten, der Reformen durchführen soll. Doch um Erfolg zu haben, müsste Grimm die Macht der Oligarchen und reichen Klubbesitzer brechen. Ein schwieriges Unterfangen. Bestes Beispiel dafür ist Bogdan Kopytko, Präsident des schon erwähnten NK Veres. Dieser beschloss, dass sein Klub mit dem FK Lviv fusioniert und ab der kommenden Saison unter diesem Namen in der Premjer Liha spielen wird.

Source: spiegel.de