Das blaue Tor der Polizeiwache schwingt auf. Okay, ruft eine

Harvey Weinstein: Hollywood-Mogul in New York angeklagt



Das blaue Tor der Polizeiwache schwingt auf. "Okay", ruft eine Frau. "Los geht`s!" Die Kameras laufen. Der Angeklagte tritt blinzelnd ins grelle Licht, eskortiert von zwei Beamten. Seine Arme sind in Handschellen hinter dem Rücken verschränkt.

Krimiszenen wie diese werden in Manhattan oft gedreht. Doch diesmal ist alles echt: die Wache, die Cops, der Angeklagte. Mehr noch: Dieser Angeklagte wurde gerade auch mit solchen Szenen zum Herrscher Hollywoods - bevor er nun selbst plötzlich die Hauptrolle des Schurken spielt, in einem düsteren, realen Sexkrimi.

Statement Regarding Arrest of Harvey Weinstein pic.twitter.com/WKO4rX9eaH
— NYPD NEWS (@NYPDnews) 25. Mai 2018
Der Sturz des Filmmoguls Harvey Weinstein, den Dutzende Frauen des sexuellen Missbrauchs beschuldigen, löste die #MeToo-Bewegung aus. Am Freitag fand der Skandal einen filmreifen Höhepunkt, als Weinstein seit langem wieder vor die Paparazzi trat - nicht auf dem roten Teppich, sondern auf dem Weg zum Richter.

Und da gibt es statt einem Oscar Handschellen und eine elektronische Fußfessel.

Der "perp walk" ist der rote Teppich der US-Justiz, ein Spießrutenlauf, bei dem Angeklagte vor laufenden Kameras abgeführt und vorgeführt werden. Alles wie eine Kinopremiere: Fans, Fotografen, Reporter, die dumme Fragen rufen. Nur rufen sie nicht: "Was tragen Sie?" Sie rufen: "Was sagen Sie zu den Vorwürfen?"

"Eine enorme Erlösung"

Diese Vorwürfe kursieren seit Oktober: Inzwischen mehr als 90 Frauen, darunter etliche Hollywoodstars, behaupten, der Produzent ("Shakespeare in Love") habe sich an ihnen vergangen. Doch nun nehmen die Vorwürfe erst einmal eine verbriefte strafrechtliche Form an, mit einer Vergewaltigungsklage der Staatsanwaltschaft.
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Das - und die telegene Präsentation Weinsteins, der sich bisher verkrochen hatte - ist für die mutmaßlichen Opfer eine Katharsis, auf die sie lange gewartet haben. "Der Fall wandert vom Gericht der öffentlichen Meinung in einen tatsächlichen Gerichtssaal", sagte die Aktivistin Tarana Burke, die den Hashtag #MeToo erfand, dem Magazin "Variety". "Für die Überlebenden ist das eine enorme Erlösung."

Das könnte ein Kinoregisseur nicht besser inszenieren. Es beginnt im Morgenlicht in Tribeca, am historischen First Precinct des New York Police Departments (NYPD), gleich um die Ecke von Weinsteins früherer Firma. Er steigt aus einem SUV, drei Bücher unterm Arm, kalkweiß, ein Schatten seiner einstigen Statur.

Vertreter der Special Victims Division warten schon. Diese NYPD-Abteilung ist die Vorlage für die fiktiven Detektive der TV-Serie "Law & Order: Special Victims Unit", die sich um Sexualdelikte dreht. Die Lokalmedien registrieren zufrieden, dass Weinstein von einer Frau in die Wache gebracht wird: NYPD-Sergeant Keri Thompson. Sie ist auf Vergewaltigungsfälle spezialisiert und hat Weinstein mit einem Kollegen, Detektiv Nicholas DiGuadio, in monatelanger Kleinarbeit gejagt.

Zehn Millionen Dollar Kaution

Drinnen nehmen sie Weinstein die Fingerabdrücke ab und die Bücher. In Handschellen geht`s weiter zum Gericht, einem imposanten Justizpalast in Lower Manhattan, der ebenfalls schon oft Schauplatz von Filmen und TV-Serien war.

Oben im elfen Stock, Saal 1130, sperren rote Vorhänge das Sonnenlicht aus. Flankiert von seinem Anwalt Benjamin Brafman wird Weinstein dem Richter Kevin McGrath vorgeführt. Der hat Erfahrung mit Hollywood-Prominenz, 2015 verurteilte er Schauspieler Anthony Mackie ("Avengers") wegen Trunkenheit.
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Aber dies ist ja eine andere Dimension. Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon verliest die Vorwürfe gegen Weinstein: Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, weitere Vergehen gegen zwei ungenannte Frauen. In wenigen Sätzen ist alles gesagt. Weinstein beißt sich auf die Lippen und blickt ins Leere oder zu Boden.

We got you, Harvey Weinstein, we got you
— rose mcgowan (@rosemcgowan) 25. Mai 2018
Eine der Frauen hat sich offenbart, es handelt sich um die Schauspielerin Lucia Evans. Ihr Name wurde erstmals vom "New Yorker" publiziert, der den Skandal mit der "New York Times" aufdeckte. habe lange mit sich gerungen, ob sie aussagen wolle, sagte Evans dem "New Yorker" am Freitag. "Wie wird das dein Leben beeinflussen, deine Familie, deine Freunde?" Doch dann habe sie sich entschlossen, ihre privates Wohl dem "überordneten Wohl" unterzuordnen.

McGrath verhängt zehn Millionen Dollar Kaution, davon eine Million sofort zahlbar. Er nimmt Weinstein den Pass ab und verordnet eine elektronische Fessel, damit der Beschuldigte sich nicht von New York und Connecticut, wo er ein Haus hat, entfernen kann - Konditionen, wie sie reichen Delinquenten gewährt werden.

Staranwalt Brafman ist ein alter Hase, er vertrat schon den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn (erfolgreich) und den Börsenbetrüger Martin Shkreli (erfolglos). Vor dem Gericht lässt er seine Strategie erkennen - die gleiche, wie sie auch die Verteidiger des TV-Stars Bill Cosby verfolgten: Zur Verhandlung stehe nicht nur die Glaubwürdigkeit der Frauen, sondern die ganze Filmbranche, in der miserables Verhalten zwar Tradition sei, doch nicht zwingend kriminell.

"Mr. Weinstein", sagt Brafman, "hat Hollywoods Casting Couch nicht erfunden."

Source: spiegel.de