Es war kurz vor Mitternacht auf der koreanischen Halbinsel, als

Donald Trump, Moon Jae In und Kim Jong Un: USA bleiben außen vor



Es war kurz vor Mitternacht auf der koreanischen Halbinsel, als das Weiße Haus die Mitteilung verschickte. In drei Absätzen machte US-Präsident Donald Trump damit zunichte, worauf der südkoreanische Präsident Moon Jae In seit Beginn seiner Amtszeit vor einem Jahr hingearbeitet hatte: Eine Annäherung zwischen Nordkorea und dem engsten Verbündeten, den USA. Er werde sich nicht wie geplant mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un treffen, ließ Trump nun wissen. Noch in der Nacht wurde in Seoul eine Notfallsitzung anberaumt.

Moon saß umringt von seinen Beratern am Kopfende eines massiven Holztisches, die Stirn in Falten. Statt Sakko trug er ein lockeres hellblaues Hemd. Er sei "völlig perplex" gewesen über die Absage, teilte Südkoreas Präsident mit. Er bedaure den Schritt sehr.
Moon Jae In (Mitte) bei der Nachtsitzung REUTERS/ The Presidential Blue House
Moon Jae In (Mitte) bei der Nachtsitzung

Erst kurz zuvor war Moon aus Washington zurückgekehrt, wo er sich am Montag noch gut gelaunt mit Trump zusammen der Presse gezeigt hatte. Nun wird sein Besuch dort als Fehler gewertet. Dass Moon nicht einmal über den Brief des US-Präsidenten im Vorfeld informiert worden war, dürfte die Beziehungen der beiden Verbündeten noch weiter belasten.

Kim zeigt sich besonnener

Vor der US-Botschaft in Seoul versammelten sich am Freitag Südkoreaner zum Anti-Trump-Protest. "Nordkorea hat alles getan, wozu man sie gebeten hatte. Sie haben sogar ihr atomares Testgelände niedergerissen", sagte Eugene Lim der Nachrichtenagentur Reuters. "Trump interessiert der Frieden in unserem Land nicht. Warum kann er unsere beiden Länder nicht einfach in Ruhe lassen?" Es sei nicht richtig, Nordkorea jetzt wieder zu isolieren, nachdem sich das Regime um eine internationale Öffnung bemüht habe, sagte die 38-jährige Kim Dong Ho. "Am Ende sind wir es, die die Konsequenzen zu spüren bekommen."
Demonstranten in Seoul Getty Images
Demonstranten in Seoul

Machthaber Kim hingegen zeigte sich in einer Reaktion auf die Gipfel-Absage überraschend mild. "Die plötzliche Ankündigung zur Absage des Treffens kam für uns unerwartet, und wir empfinden diese als zutiefst bedauerlich", heißt es in einer Mitteilung der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA. Nordkorea sei weiterhin zu einem Treffen bereit.

Damit zeigte sich Kim als der verlässlichere der beiden Verhandler - und, trotz der scharfen Rhetorik der vergangenen Tage, als der Besonnenere. Die USA könnten sich damit selbst zum Zaungast einer nordkoreanischen nuklearen Abrüstung degradiert haben (einen Kommentar zur Rolle Trumps lesen Sie hier).

Kim sei nun zwar um die Möglichkeit eines Treffens mit einem US-Präsidenten gebracht, worauf es das Regime schon seit Jahrzehnten abgesehen hatte. Durch den frisch geknüpften Gesprächsfaden mit Südkorea habe er aber "noch ein zweites Eisen im Feuer", sagt Bernhard Bartsch, Asienexperte der Bertelsmann Stiftung. "Das wird er nicht ohne Weiteres riskieren, denn dabei geht es für sein Regime letztlich um bares Geld." Kim war vergangenes Jahr durch Uno-Sanktionen schwer unter Druck geraten. Das soll eines seiner Hauptmotive für die Annäherung gewesen sein.
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Für weitere Verhandlungen zeigt sich nun auch der brüskierte südkoreanische Präsident Moon offen. Sein Vereinigungsminister Cho Myoung Gyon teilte am Freitag mit, die Regierung stehe weiter hinter den Vereinbarungen, die Moon und Kim bei ihrem historischen Treffen am 27. April in der entmilitarisierten Zone zwischen beiden Ländern getroffen hatten. Der Norden erscheine weiterhin engagiert, den Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel voranzutreiben. Man wolle sich auch weiterhin für einen Dialog zwischen Washington und Pjöngjang einsetzen.

Auch die chinesische Regierung dürfte nun bei den koreanischen Angelegenheiten wieder mehr Gehör finden, nachdem Peking zuletzt offenbar befürchtet hatte, ganz vom Verhandlungstisch verdrängt zu werden.

Für die Regierung von Präsident Xi Jinping sei die Lage auf der koreanischen Halbinsel mit der Absage Trumps wieder berechenbarer geworden, sagt Asienexperte Bartsch. "Damit steigt aber auch Pekings Verantwortung, selbst eine Stabilisierung der Lage voranzutreiben. Der politische Wille dafür dürfte in Peking nach der diplomatischen Achterbahnfahrt in den vergangenen Monaten nun vorhanden sein. Xi Jinping möchte sicher nicht noch einmal so sehr von den Ereignissen überrascht werden."

Hinzu kommt, dass die chinesische Regierung gerade bei diversen Themen mit Washington über Kreuz liegt, etwa bei der Frage des Handelsüberschusses und dem Streit um chinesische Aktivitäten im Südchinesischen Meer. Xi dürfte es also gelegen kommen, wenn sich die USA aus Entwicklungen in unmittelbarer Nachbarschaft wieder etwas herausnimmt.

Im Video: Trip nach Nordkorea - Videotagebuch aus einem abgeschotteten Land
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Source: spiegel.de