Zersäää-gen! Zersäää-gen! Keine Ahnung, wie es passieren konnte, dass man

Germany`s Next Topmodel: So lief das GNTM-Finale 2018 mit Siegerin Toni



Zersäää-gen! Zersäää-gen! Keine Ahnung, wie es passieren konnte, dass man plötzlich zuhause auf dem Sofa sitzt und mit voller Überzeugung nach einem riesigen Fuchsschwanz mit möglichst scharfer Klinge brüllt. Ausgerechnet in dem Moment bei der Showeröffnung, als Magier Hans Klok (den man doch eigentlich irgendwann in den Nullerjahren an der Raststätte der Unterhaltungsirrelevanz "vergessen" hatte) die von irgendwoher herbeigezauberte Heidi Klum zu einem Opferaltar aus dem gehobenen Satanistenbedarf trägt, kann man plötzlich nur noch an eine riesige Säge denken - wahrscheinlich Magie!

Aber Heidi bleibt heil, Klok zieht kein Werkzeug aus dem weißen Klaffkragenhemd, sie steigt mit dem Magier sogar empor in die Lüfte. Leider fragt man sich da schon nicht mehr, wie um Himmelswillen denn dieser Trick funktioniert, welches Geniehirn sich denn immer diese sa-gen-haften Finaleröffnungen für "Germany`s Next Topmodel" ausdenkt. Man fragt sich stattdessen: Zeigt Hans Klok beim Frisör eigentlich ein Foto von Kandidatin Zoe vor, oder ist es umgekehrt?
Klum und Klok DPA
Klum und Klok

Es hilft in den kommenden drei Stunden, wenn man sich immer wieder fest vorstellt, Heidi Klum trüge gar kein Lametta-Kleid (und ebensolche Stiefel), sondern habe sich ganzkörpermäßig mit feinsten, hausgemachten Tagliatelle behängt, die leider vor der Show nicht rechtzeitig trocken wurden. Es hilft wirklich, in Krisensituationen sucht sich der Geist ein Mauseloch, in das er sich kauern kann, bis die Gefahr vorbei ist. Was soll man nur machen mit dieser Show, von der man jedes Jahr nach bestem Wissen und Gewissen berichten muss, dass es wirklich tatsächlich wieder noch schlimmer war als beim Finale davor?

"Wer hätte das gedacht, so viele Loiiite!", lieschenmüllert Juror Michael Michalsky zur Begrüßung in den ausverkauften ISS-Dome in Düsseldorf, und tatsächlich wundert man sich aufrichtig mit ihm: Warum schaut das eigentlich wirklich noch jemand an?
Fotostrecke
15  Bilder
Man muss nicht einmal die offensichtlich toxischen Welt- und Menschenbilder dieses Formats bemühen, um sich diese Frage zu stellen. Rein aus handwerklicher Sicht liegt in dieser Finalsendung viel im Argen. "The final flashback", so das Motto, ist eine Ansammlung von Aufgewärmtheiten: Eine Gulaschkanone, aber als Show. Endlose Rückblicks-Zusammenschnitte, mit Cro und Wincent Weiß zwei Showacts, die schon in den regulären Folgen zu sehen waren, Rita Ora sang auch bereits beim Finale vor drei Jahren. Selbst der missratenste Laufsteggang der Staffel - ein "Vertical Walk", an einer Gebäudemauer entlang zum Boden - wird wiederholt, GOTTLOB haben die Kandidatinnen endlich gelernt, wie das geht, KEINESWEGS liegt das daran, dass man sie einfach vernünftiger und mit anderer Schwerpunktverlagerung am Seil befestigt hat.

Dazu kommen Klein-Dööfchen-Moderationen wie aus der Peter-Frankenfeld-Dramaturgiefibel: "Eine Lieferung für Heidi Klum ist im Backstage angekommen", schallt eine Stimme aus dem Off, Klum und Konsorten sind Huuuch!-überrascht, in dem riesigen Container stecken die vier US-Dragqueens, Gaststars aus einer vorherigen Folge. Da schmunzeln vermutlich wenigstens ein paar medien-unerfahrene Sechsjährige.

"Kennste, kennste? Hihi"

Man würde dieser Show so gerne glauben, dass sie es ernst meint, wenn schließlich "Love wins" groß an die Bühnenwand projiziert wird, wenn eine Parade aus deutschen und amerikanischen Drag Queens mit riesiger Regenbogenflagge und den Finalistinnen sehr lange über die Bühne marschiert. Man würde ihr gerne abkaufen, dass das mehr ist als ein gesinnungsmäßiges Feigenblatt. Aber man kann es wirklich nicht, weil Klum vier der professionellen Performerinnen gleich danach zu sich aufs Sofa bittet, um ihnen mit nicht mal mehr zweideutigem Kaltschweißhumor einen Imbiss anzubieten: "Ich hab mir gedacht, Würstchen mögt ihr doch bestimmt auch gerne?", schrillt sie, hihihi. Würstchen, verstehta, Schwule mögen Würstchen, Würstchen, kennste, kennste? "It`s so thick and juicy", sagen die Drag Queens, den Verzehrvorgang verhüllt diskret die Werbung.
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Und natürlich ging es auch in dieser Staffel, geht es auch in diesem Finale nicht um Werte wie Toleranz, Akzeptanz oder, Gott bewahre: Liebe. Für den "Personality-Award", den Trostpreis der Ausgeschiedenen, nominierten die Juroren Abigail (die während der vergangenen Monate mit einigen Anfeindungen ihrer Mitkandidatinnen zurechtkommen musste und trotzdem nicht aufgab) und Sally (eine ihrer Hauptmobberinnen). Sie ist nominiert "für den Mut, immer zu ihrer eigenen Meinung zu stehen", und ihr Teamchef Michalsky findet das total priiiima so.

Die Rede der "Personality Award"-Gewinnerin

Als schließlich Klaudia den Preis gewinnt und zu einer Dankesrede ansetzt, wird sie von Klum, man könnte es sich nicht ausdenken, exakt an dem Punkt abgewürgt, als sie erklärt: Das Leben sei nicht immer nur schön, nicht perfekt - aber man solle trotzdem immer an sich selbst glauben und sich nichts einreden lassen. Keine Zeit für solche Sentimentalitäten! Unnötig zu erwähnen, dass Klaudias "zu lange" Rede am Ende gleich mehrfach in die kaum mehr zu ertragenden vermeintlichen Spannungspausen vor der Verkündung des finalen Ergebnisses gepasst hätte. "Egal, ich poste sie auf Instagram", grämt die Abgewürgte sich nicht weiter. Nur passend, denn schließlich wurden auch bei jeder Nominierten für den Personality-Preis als wichtigstes Kriterium ihre aktuellen Insta-Followerzahlen verlesen. Das ist bekanntlich die Währung, in der sich Persönlichkeit messen lässt (und natürlich die Anzahl der Daniel-Wellington- und FitVia-Produktplatzierungen, da könnte man nächstes Jahr noch nachbessern).
"Mit K" Getty Images
"Mit K"

Zwischendurch findet man noch die Zeit, erst die Finalistin Christina (die zu offensiv selbstverliebte), dann Pia (die mit der viel beschworenen Kurvigkeit) auszusortieren. Der Geist lugt kurz aus seinem Mauseloch und merkt: Das dauert noch. Es tut fast körperlich weh, wie eindimensional flach diese "GNTM"-Welt ist, ohne doppelten Boden, ohne zweite Bedeutungsebene. Wenn die Finalistinnen zu Katy Perrys "Firework" laufen, dann pufft an der Stelle, in der sie "Firework" singt, wirklich ein kleiner Knalleffekt hoch. Wenn Klaudia "mit K", was während der Staffel zu ihrem Beinamen wurde, auf die Bühne kommt, folgt ihr der menschenhohe Papp-Buchstabe K. Trixi, die in Paris aufgewachsen ist, trägt ernsthaft einen riesigen goldenen Eiffelturm auf dem Kopf. Warum kein Baguette unterm Arm? Schlecht.

"So bunt war es noch nie", fasst Heidi Klum dann den finalen Final-Showdown zwischen Julianna und Toni zusammen - den die 18-jährige Toni gewinnt - und meint damit mutmaßlich die Hautfarbe der beiden, innerlich schrumpelt man sich vorsorglich zusammen, doch die befürchteten Begriffe "exotisch" und "rassig" fallen nicht. "GNTM" bleibt aber weiterhin unverdrossen das zeitgeist-isolierte Reservat, in dem Frauen noch ernsthaft "Raubkatzen" genannt werden. Jetzt mal wirklich, wie soll es damit weitergehen, was sollen wir machen mit diesem Format? Und jetzt alle: Zersäää-gen! Zersäää-gen!

Source: spiegel.de