Zum Verhältnis vom Politischen zum Privaten ist 50 Jahre nach

Locarno Filmfest: NSU-Schocker Wintermärchen - Triebabfuhr unter Terroristen



Zum Verhältnis vom Politischen zum Privaten ist 50 Jahre nach 1968 wirklich viel geschrieben und gesagt worden. Doch wie der Deutsche Jan Bonny in seinem neuen Film "Winterm ärchen " das Politische persönlich nimmt, sich von der deutschen Zeitgeschichte, genauer gesagt: dem NSU, unmittelbar angesprochen fühlt und seinem Ekel über die drei Führungsfiguren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe freien Lauf lässt, hat man noch nicht gesehen. "Wintermärchen" ist ein unbedingt hässlicher Film, ein grenzenlos hässlicher Film.

"Wintermärchen", soeben im internationalen Wettbewerb beim Filmfest in Locarno in Weltpremiere gezeigt, schaut auf die Jahre des Nazi-Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Untergrund. Die drei Terroristen heißen hier anders, sie sehen auch anders aus als ihre tatsächlichen Vorbilder, und ihre Erlebnisse und Taten decken sich nur punktuell mit der offiziellen Geschichte des NSU. Um historische Akkuratesse geht es hier aber auch nicht, sondern eben um persönliche.

Wie lebt man zu dritt 13 Jahre im Untergrund? Wie hält man über diese Zeit seinen Hass auf Migranten aufrecht? Welche libidinösen Dynamiken entwickeln sich dabei? Von diesen Fragen lassen sich Bonny und sein Co-Autor Jan Eichberg bei der Skizzierung ihrer Figuren Becky (Ricarda Seifried), Tommi (Thomas Schubert) und Maik (Jean-Luc Bubert) leiten. "Wintermärchen" zeigt die drei beim Münzen zählen, ob es für den "Billo-Sekt" für die Geburtstagsfeier ohne Freunde reicht, beim Saufgelage im Spätkauf, in dessen Verlauf ebenso "Eisgekühlter Bommerlunder" wie rassistische Parolen gegrölt werden, und er zeigt sie beim, man kann es hier nicht anders nennen, ficken. Becky mit Tommi, Becky mit Maik, Maik mit Tommi, irgendwann alle zu dritt.

Ficken und Migranten hinrichten verschmilzt hier zu einer widerwärtigen Triebabfuhr, in der jedwede ideologische Motivation für die Morde ihre Stichhaltigkeit verliert. So überschreibt Bonny mit seinem Film ein ums andere Mal die Selbststilisierung der Terroristen - nicht zuletzt die von Beate Zschäpe, die sich im Münchner NSU-Prozess als willen- und hilflose Mitläuferin darzustellen versuchte. Bei Bonny wird sie zur buchstäblichen Triebfeder der Morde, sie schreit, schlägt und stresst die zwei Männer mit ihrer aggressiven Sexualität bis hin zur nächsten Tat. Wann hat sich ein deutscher Film zuletzt so vehement und unzweideutig mit Figuren der Zeitgeschichte auseinandergesetzt? Nach "Wintermärchen" muss sich das deutsche Kino an neue Maßstäbe der politischen wie auch der persönlichen Dringlichkeit gewöhnen.

Purer Wildwuchs

Wie das die internationale Jury von Locarno unter Vorsitz des chinesischen Meisterregisseurs Jia Zhang-ke mit anderen Film vergleichen will und ob sich einem nicht-deutschen Publikum überhaupt die Brisanz der Inszenierung erschließt, ist fraglich. Doch wie zum Ausgleich hat der Wettbewerb nach schwachem Anfang einige ebenbürtig radikale Filme zu bieten - allen voran das argentinische Werk "La Flor ", das auf eine Laufzeit von 14 Stunden kommt. Ebenso so viel Zeit könnte man darauf verwenden, die Struktur des Films, seine Akte und seine Stückelung in Teile, die sich nicht mit diesen Akten decken, zu erklären. Regisseur Mariano Llinás tut das in seinem Film selber mehrmals, indem er Schaubilder zeichnet und erläutert, in welcher Phase von welchem Erzählstrang man sich gerade befindet.

Wirklich hilfreich ist das aber auch nicht, denn "La Flor" ist purer Wildwuchs, ein Kino außer Rand und Band und vielleicht auch eine Serie. Verbindendes Element sind allein die vier Hauptdarstellerinnen, die wechselweise in den Vordergrund treten und völlig unterschiedliche Rollen übernehmen. Mal sind sie in einem B-Movie über eine todbringende Mumie zu sehen, dann in einer Ménage-à-trois im Schlagermilieu, irgendwann in einem Agentinnen-Thriller in den Achtzigern.

Aufklärung darüber, was das alles im Einzelnen wie in der Summe zu bedeuten hat, darf man bei "La Flor" nicht erhoffen. Llinás geht es allein darum, einen in Situationen und Genres zu werfen und sich dort ganz dem Genuss des Augenblicks hinzugeben, in dem sich eine Geschichte und ihre Potenziale vor einem ausbreiten. Das funktioniert häufig wunderbar, aber bei Weitem nicht immer. Auch bei "La Flor" als Gesamtwerk muss man sich eher für dessen Potenzial als für die Ausschöpfung eben dieses Potenzial begeistern können.

Wann beginnt die Tragik der Liebe?

Angesichts eines solchen Mammutwerks könnte man meinen, ein zweistündiger franko-kanadischer Film über die Liebesnöte von zwei hübschen jungen Menschen hätte dem nichts entgegenzusetzen. Doch "Gen èse " von Philippe Lesage fährt seine Radikalität erst beiläufig, dann aber umso eindrücklicher auf.
"Genèse" Filmfest Locarno
"Genèse"

Fast verliert man sich in der melancholischen Poesie der ersten Liebe, die die Geschwister Guillaume und Charlotte erleben. Der jüngere Guillaume (Théodore Pellerin), in einem elitären Jungeninternat untergebracht, verliebt sich in seinen besten Freund und ringt damit, ihm seine Liebe zu gestehen. Charlotte (Noée Abita) wähnt sich glücklich mit ihrem Freund, doch als der eine offene Beziehung vorschlägt, steht für sie plötzlich alles in Frage.
"Genèse" Polizei Märkischer Kreis
"Genèse"

Mit den Geschwistern erreicht der Film Wendepunkte in ihrem Leben, die sie gemeinsam in eine ungeahnte, dramatische Richtung führen. Doch der Überraschung nicht genug, hat "Genèse" noch einen Schlussteil parat, der das zuvor gesehene ganz anders perspektiviert, der genauso gut auch die Vorgeschichte von Guillaume und Charlotte bilden könnte. Wann und wo beginnt die Tragik der Liebe eigentlich? Diese Frage aller Fragen stellt "Genèse" als nächstes auf dem Filmfest Hamburg, wo Lesages beglückend verzweifelter Film im Oktober zu sehen sein wird.

Source: spiegel.de